Im Jahre 1920 gründeten ein Herr Schmidt (Vorname leider unbekannt) und der gebürtige Berliner Fritz Sulzer in Marburg die Firma Schmidt & Sulzer; Herstellung und Vertrieb von Devotionalien, sowie Vetrieb von Geschenkartikeln und Spielwaren aus dem Erzgebirge. Herr Schmidt war der "Tüftler und Künstler" im Betrieb, Fritz Sulzer der Kaufmann.
Da Fritz Sulzer sehr sprachbegabt war, wurde er bereits als junger Mann von einer deutschen Spedition beauftragt, eine Niederlassung in Spanien zu gründen. Nach erfolgreicher Erledigung dieser Aufgabe kehrte er nach Deutschland zurück und heiratete Tilly Reclam. Der erste Weltkrieg verschlug das Paar schließlich nach Marburg.
Durch die Liebe zur klassischen Musik zusammen geführt, beschlossen die Herren Schmidt und Sulzer hier die Firmengründung. Das neue Unternehmen bezog Quartier an der Schlosstreppe in der Marburger Oberstadt. Neben Ankauf und Weitervertrieb von "Spezialitäten" aus dem Erzgebirge wie Kuckuckspfeifen, Nussknacker, verzierten Holztellern und verschiedenen anderen Schnitzereien, darunter auch Spielwaren, betätigte man sich im Bemalen von Schildern. Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit schied Herr Schmidt schließlich aus dem Unternehmen aus.
Fritz und Tilly Sulzer hatten drei Söhne. Rudolf, der Älteste, wurde Soldat. Hans, der Mittlere, wurde Kaufmann und war als Nachfolger im Unternehmen vorgesehen. Der jüngste Sohn, Wolfgang, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung bei der Schreibwarenfabrik Schaaf in Marburg. Da Hans nicht aus dem Krieg zurück kehrte, sollte Wolfgang schließlich die Firma Sulzer übernehmen. Fritz Sulzer wurde während des zweiten Weltkrieges schwer herzkrank, so dass der Geschäftsbetrieb ab 1943 ruhte. Im Jahr 1949 verstarb der Firmengründer.
Die Reaktivierung des Unternehmens 1945 durch Wolfgang Sulzer erwies sich als schwierig, da Wolfgang zuvor noch keinen Tag im Unternehmen gearbeitet hatte und sein Vater aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung stand. Die allgemeine Mangelsituation nach Kriegsende erschwerte die Lage zusätzlich.
Die erste Tätigkeit des neuen Geschäftsinhabers war eine Geschäftsreise per Fahrrad in den Odenwald. Wolfgang Sulzer erhoffte sich dort Ware, gleich welcher Art, aufzutreiben. Das Unterfangen war mühsam; immer wieder wurde er abgewiesen. Schließlich traf er auf einen Hersteller, der einige Hundert Flugzeugkanzeln aus Plexiglas hatte, allerdings keine Maschinen zu deren Verarbeitung. Durch sein Umherziehen von "Haustür zu Haustür" kannte Wolfgang Sulzer aber inzwischen eine Vielzahl Fabrikanten, darunter auch einige, die in der Lage waren, Plexiglas weiterzuverarbeiten. Die Firma Sulzer übernahm daher die Vermittlung zwischen Rohstofflieferant und Weiterverarbeitungsbetrieb. Als Honorar akzeptierte man Lieferungen von Salatbestecken und Buttermessern, die als Endprodukt entstanden waren und so den Grundstock ins Sulzers Nachkriegssortiment bildeten. Kurze Zeit später, im Herbst 1945, vergrößerte sich das Sortiment der Firma Sulzer, deren Sitz sich inzwischen in Marburg-Weidenhausen befand, um Nachttöpfe und Kerzen.
Im Jahr 1947 fand Wolfgang Sulzer in Konrad Stordtmann einen Mitarbeiter, der sich fortan mit einem Musterkoffer per Fahrrad oder Eisenbahn, je nach Entfernung, auf den Weg zu den Kunden machte. Ein größeres Problem als die Kundenbetreuung bestand aber nach wie vor in der Akquisition neuer Lieferanten.
Durch die Zonengrenze wurde der Handel mit Thüringen und der Erzgebirgsregion, von woher das Unternehmen in Vorkriegstagen einen Großteil seiner Kollektion bezogen hatte, erschwert. Die für die Zukunft des Unternehmens dringendste Aufgabenstellung war daher weiterhin darin zu sehen, neue Lieferquellen in Westdeutschland aufzutun.
Aber auch im Osten wurde man langsam wieder geschäftlich aktiv. Im März 1948 besuchte Herr Stordtmann z. B. im Auftrag der Firma Sulzer die Leipziger Messe. Die Eintrittskarte wurde damals mit einem Stückchen Wurst, die Heimreise mit drei selbst gedrehten Zigaretten erkauft. Die Abwicklung der durch den Messebesuch angeregten Geschäfte erwies sich am Vorabend der Währungsreform und der demit einhergehenden Ungewissheit jedoch als schwierig.
Um auch nach der Währungsreform weiterhin Waren aus Ostdeutschland beziehen zu können, mussten ungewöhnliche Wege eingeschlagen werden. So mieteten Mitarbeiter der Firma Sulzer den Saal eines Gasthofes in Mönchröden in der Nähe Coburgs unweit der Zonengrenze an. Schmuggler, die Nachts auf bekannten Schleichwegen über die Grenze kamen, wurden von Herrn Stordtmann aufgestöbert und zur Waren- und Geldübergabe in den gemieteten Saal geführt. Anschließend wurde die so gesammelte Ware mit einem Lastwagen nach Marburg transportiert. Viele Artikel, die Weihnachten 1948 die Marburger und andere westdeutsche Christbäume schmückten, hatten diesen Weg genommen.
Im gleichen Jahr wurde mit einem "DKW Meisterklasse" auch der erste motorisierte Firmenwagen angeschafft.
Das Gründungsjahr der Bundesrepublik, 1949, war auch für die Firma Sulzer ein Jahr des Aufbruchs. Man begann mit dem Bau neuer Räumlichkeiten in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße, in der Nähe des Marburger Südbahnhofs. Im Sommer 1950 wurde der Neubau bezogen. Zu diesem Zeitpunkt umfasste das Sortiment neben Spielwaren und Geschenkartikeln nach wie vor auch Haushaltswaren. Die bereits erwähnten Nachttöpfe zählten beispielsweise zu den gefragtesten Artikeln jener Tage.
Das deutsche "Wirtschaftswunder" ermöglichte es vielen Bundesbürgern, erstmals Urlaubsreisen zu unternehmen. Bevor gegen Ende der 50er Jahre Italien als Reiseziel entdeckt wurde, waren besonders innerdeutsche Ziele beliebt. Die Firma Sulzer hatte diesen Trend rechtzeitig erkannt und spezialisierte sich daher zunehmend auf den Handel mit Reiseandenken.
Anfänglich wurden Kunden im Sauerland, das eine Art Testmarktfunktion hatte, beliefert. Später kamen die Regionen Schwarzwald, Taunus und Rhein, Edersee, Rhön und Vogelsberg sowie der Harz hinzu.
Verkaufsschlager waren Rindenbilder, Kuhglocken, Sparfässer aus Holz, Spruchbretter und Strohtaschen, vor allem aber Anstecknadeln und Stocknägel, sowie weiterhin Kuckuckspfeifen. Da alle diese Artikel mit den Namen der entsprechenden Verkaufsorte versehen werden mussten, entwickelte sich die Beschriftungsabteilung zum "Herzstück" des Unternehmens. Alle Mitarbeiter - die Firma beschäftigte 1950 z. B. einen Vertreter, einen Buchhalter, zwei Lagerarbeiter, einen Packer und einen Lehrling - wurden zum Beschriften der Reiseandenken herangezogen. Wolfgang Sulzer beteiligte sich allerdings nicht, da seine Handschrift dem Abverkauf der Ware wenig dienlich gewesen wäre. Später beschäftigte man eigens dafür eingestellte Beschrifterinnen.
Durch die Übernahme der Hamburger Reiseandenken-Großhandlung Preuss durch die Firma Sulzer Mitte der 50er Jahre vergrößerten sich sowohl das Absatzgebiet als auch das Sortiment, so dass das Lager in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße 1957 durch einen Anbau erweitert werden musste.
Das Unternehmen belieferte fortan alle Fremdenverkehrsregionen im Bundesgebiet, von den Nordfriesischen Inseln im Norden bis zu den Alpen im Süden.
In den wichtigsten Regionen wurden einmal jährlich Hotelausstellungen durchgeführt, auf denen die meisten Aufträge für die folgende Reisesaison eingeholt wurden. Besonders beliebt waren jetzt Bercolux-Artikel, wie etwa "Röhrender weißer Plastikhirsch vor hölzerner Wamdvase", für die die Firma Sulzer das Alleinvertriebsrecht hatte und kleine Kunststoffattrappen von Fotoapparaten, die beim Hineinsehen verschiedene Motive der jeweiligen Ferienregion zeigten.
Auch der Spielwarenhandel weitete sich in den 50er Jahren aus. Da sich viele Hersteller dieser Branche im Raum Nürnberg konzentrierten, wurde dort mit Karl-Ludwig Heilmann ein Mitarbeiter eingesetzt, der Bestellungen weitergab und die betreffende Ware auch selbst abholte und per Bahn nach Marburg schickte. Der Versand der Spielwaren durch die Hersteller war damals noch unüblich.
Neben der Frankfurter Messe besuchten die Mitarbeiter des Unternehmens nun auch ausländische Messen, z. B. in Mailand, Utrecht oder Florenz. Da die deutsche Mark inzwischen konvertibel war, konnte nun auch leichter im Ausland eingekauft werden. Das Sortiment umfasste bald Erzeugnisse aus Norwegen, Finnland, den Niederlanden und Italien. Importware aus Fernost wurde ebenfalls gelistet. Da es aber noch keine geeigneten deutschen Importeure gab, wählte man hierfür den Umweg über holländische Zwischenhändler.
Da die Firma Sulzer an der Reiselust der Menschen verdiente, wollte man selbst mit gutem Beispiel voran gehen und organisierte im Verlauf der 50er Jahre eine Reihe von Betriebsausflügen. Angefangen mit einem Ausflug zum Edersee folgten Reisen in den Schwarzwald, an den Rhein und in die Schweiz sowie nach Hamburg.
Während der Absatz von Reiseandenken mehr und mehr zurück ging, entwickelte sich der Spielwarenmarkt in den 60er Jahren erfreulich. Mit dem Aufkommen der Selbstbedienungsläden stellte sich bald auch die Frage, ob sich nicht auch Spielwaren über diese Form von Betriebstyp vermarkten ließen. Die meisten Insider der Spielwarenbranche hielten die Idee für schlecht, da man Preisunterbietungen befürchtete. Die Spielwarenhersteller waren daher kaum geneigt, SB-Betriebe mit ihren Waren zu beliefern.
In dieser Situation gründete Wolfgang Sulzer 1960 eine Agentur, die auf Provisionsbasis zwischen Herstellern und Handel vermittelte. Ferner galt es, Spielwaren zu finden, die SB-gerechte Verkaufspackungen aufwiesen. Prominente Kunden der Agentur Sulzer waren beispielsweise Massa und die Metro-Gruppe.
Da der Spielwarenmarkt weiter expandierte, wagte die Firma Sulzer 1968 den Sprung in die Betriebsform Einzelhandel. In Aschaffenburg eröffnete man in einem Verbrauchermarkt erstmals eine in Eigenregie geführte Spielwarenfachabteilung. Mit der Eröffnung von sieben weiteren Fachabteilungen in den folgenden Jahren wurde der Spielwarenhandel endgültig zum Basisgeschäft des Unternehmens. Die Folge war, dass Firmenzentrale und Lager in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße bald zu eng wurden, und die Firma daher 1979 in einen größeren Gebäudekomplex in Niederweimar, einem kleinen Ort in der Nähe Marburgs, umzog.
Im Jahr 1976 trat Wolfgang Sulzers Sohn Wieland in das Unternehmen ein. Nach einer fundierten Ausbildung, einer Volontariatszeit außerhalb des väterlichen Betriebs und mehrjähriger Mitarbeit in verschiedenen Abteilungen, übernahm Wieland Sulzer 1985 die Führung des Unternehmens. Mehr noch als seinen Vater beschäftigte ihn die Idee, neben dem Großhandel auch das Standbein Spielwareneinzelhandel zu stärken. Aus dieser Überlegung heraus schaute er sich im In- und Ausland um und entwickelte schließlich das Konzept des "Spielwaren-Riesen", eines Betriebstyps, der die Lagerfunktion für Großhandelskunden und eigene Fachgeschäfte mit einer großräumigen Verkaufsfläche für Einzelhandelskunden kombiniert. Im Jahr 1992 wurde der Marburger "Spielwaren-Riese" in der Afföllerstraße eröffnet.
Nach der Öffnung der Innerdeutschen Grenze hatte sich Wieland Sulzer, alten Firmentraditionen folgend, auch wieder nach ostdeutschen Handelspartnern umgesehen. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit handelte es sich jetzt aber weniger um Lieferanten als vielmehr um Einzelhandelsbetriebe, die zu Kunden der Spielwarengroßhandlung Sulzer wurden. Im Jahr 1994 mündete das Ost-Engagement des Unternehmens in der Eröffnung eines eigenen Spielwarenfachgeschäftes im thüringischen Eisenach.